Ein tatsächliches Geschehen zu erzählen und es dramaturgisch so zu gestalten, dass die Historie nicht amputiert wird, war eine von vielen Herausforderungen für mich! All den Menschen aus Gladbeck, die unter dem Nationalsozialismus leiden und sterben mussten, ein respektvolles Denkmal zu setzen, war mein Ziel! Mit diesem grandiosen Ensemble, das sich auf ein investigatives Spiel und auch auf meine Arbeitsweise eingelassen hat, haben wir dieses Ziel erreicht! Ich blicke auf eine sehr lebendige, hochintensive, erfahrungsreiche und tolle Zeit zurück, die sich für immer in mein Künstlerherz tätowiert hat! Ich bin sehr dankbar für diese wichtige Möglichkeit!

Marco Spohr (Autor und Regisseur von ‚Gladbeck unterm Hakenkreuz‘)

Als Katrin Bürgel, die Leiterin des Gladbecker Stadtarchivs, daran ging, ihre Idee in die Tat umzusetzen, ahnte sie wohl noch nicht, wieviel Arbeit in dem geplanten Projekt steckte. Am Anfang stand ihre Idee, die Spuren des Nationalsozialismus in Gladbeck, die die Quellen im Archiv dokumentieren, zum Sprechen und in Form eines Theaterstücks auf die Bühne zu bringen. Das Produkt, eine Dokumentation der NS-Zeit in Gladbeck aus der Sicht von Tätern und Opfern in einer Folge von 18 Szenen, wurde von Schauspieler und Regisseur Marco Spohr entworfen und mit Schülerinnen und Schülern von 5 Gladbecker Schulen in Kooperation mit dem Ratsgymnasium und tatkräftig unterstützt durch die Technik-AG der Schule, realisiert. Nach langen Wochen des Einstudierens und Übens, des Überarbeitens und Verbesserns, intensiv begleitet durch Katrin Bürgel, Marco Spohr sowie David Filipowski und Maria Hoffrogge, Geschichtslehrern des Rats, wurde das Schauspiel auf die Bühne gestellt. Den jungen Schauspielern und den Technikern verlangte es eine Menge an Geduld und Durchhaltevermögen ab, aber am Ende waren sich alle einig: Es war ein einmaliges Erlebnis, intensiv und manchmal bedrückend, alles andere als leichte Kost – aber es hat auch eine Menge Spaß mit sich gebracht! Und es hat gezeigt, dass Geschichte lebendig und brennend aktuell sein kann.

Drei Mal war die Aula bei den Aufführungen gefüllt, und bei der letzten passte schließlich alles… Zum Bericht der WAZ geht es hier.

 

Das Thema ist für mich sehr wichtig, da es uns alle daran erinnert, was früher in Gladbeck passiert ist und so etwas nicht noch einmal passieren darf.

Anastasia (Edith Eickmeyer, Jasmin)

 

Die Greueltaten der Nationalsozialisten auf die Bühne zu bringen ist alles andere als leicht, dennoch wollen wir es versuchen, um den Menschen unserer Stadt Deutsche Geschichte, Gladbecker Geschichte etwas näherzubringen, sodass sich so etwas nie wieder ereignet.

Julian (Bernhard Preminger, Franz)

 

Ich bin bei dem Projekt dabei, weil es mich sehr interessiert, was damals in der Stadt passiert ist, in der ich ohne Krieg und in Frieden aufgewachsen bin und das Elend von damals nicht miterleben musste.

Alexander (Sally Daniel, Max Kaufmann, Gustav Bockermann)

 

Ich heiße Meryem und ich nehme an dem Theaterstück teil, weil ich mich schon immer für die Schauspielerei interessiert habe und hier meine ersten richtigen Erfahrungen sammeln kann.

Meryem (Joelina)

 

Mein Name ist Zeynep und ich nehme an dem Theaterstück teil, weil ich zu aller erst einmal die Erfahrung machen wollte, auch mal Schauspielerin – selbstverständlich keine professionelle – zu sein. Doch besonders hat mich das Thema angesprochen. Denn was früher während der Hitler-Zeit alles passiert ist, war schrecklich. Mir gefällt, dass das Stück auf wahren Begebenheiten basiert. Es ist so wahrheitsgemäß und zugleich auch traurig.

Zeynep (Ricarda, Dagmar)

 

Ich interessiere mich sehr für Geschichte und habe auch Spaß an der Schauspielerei. Obwohl ich aus Bottrop komme, finde ich es interessant zu erfahren, wie die Menschen in Gladbeck die Zeit des Nationalsozialismus erlebt haben.

Lena (Wilhelm Olejnik, Gisela)

 

Ich heiße Lena-Mareen und bin Schülerin des Ratsgymnasiums. An dem Projekt nehme ich teil, weil ich mich für die Zeit des Zweiten Weltkrieges interessiere.

Meine Großeltern haben sie in ihrer Kindheit hautnah miterlebt und haben mir schon viel von dieser schlimmen Zeit erzählt. Durch das Theaterstück wird deutlich, was die Menschen durchmachen mussten. Deshalb soll sich diese Zeit niemals wiederholen!

Lena-Mareen (Franziska Riesener)

 

Ich finde das Schauspielprojekt einfach klasse! Man erfährt nicht nur, wie man als Schauspielanfängerin mit verschiedenen Bühnensituationen umgeht, sondern nebenbei auch noch eine Menge Geschichte über Gladbeck, die man so nicht erfahren würde. Tolles Projekt, tolle Leute und ganz viel Spaß bei den Proben zeichnen Marco Spohrs und Katrin Bürgels Arbeit aus!

Scarlet (Elisabeth Brune, Anna Jakobs, Auguste Preminger)

 

Ich heiße Julia und bin Schülerin der Ingeborg-Drewitz Gesamtschule. Ich schätze das Schauspielprojekt sehr und es macht mir sehr viel Spaß. Wir bekommen Einblicke in die Vergangenheit und erfahren viel, was wir z.B. im Geschichtsunterricht nicht erfahren haben.

Julia (Maske)

 

 

Die Idee von einem Theaterstück zu einem der schrecklichsten Themen der Deutschen Geschichte, dem Nationalsozialismus, wurde von den Schülerinnen und Schülern fünf weiterführender Schulen Gladbecks hervorragend realisiert. Die Jugendlichen verschiedener Altersstufen haben sich dieser Herausforderung gestellt und das Projekt zu einem großartigen Ergebnis geführt: Lokalgeschichte für alle sichtbar machen und ein Zeichen in der Gegenwart setzen! Der Regisseur und Schauspieltrainer Marco Spohr brachte den Jugendlichen in beeindruckender Weise bei, die verschiedenen Charaktere darzustellen. Darüber hinaus war es eine große Freude, die positive Entwicklung der Schülerinnen und Schüler während der Proben, ihre Begeisterung für das Projekt und ihr Interesse an der Geschichte vor ihrer Haustür zu erleben. Die Kooperation mit dem Ratsgymnasium und dem Jugendrat war eine große Bereicherung. Mein großer und herzlicher Dank gilt allen Beteiligten: den Jugendlichen für ihre Beiträge in den Bereichen Schauspiel, Maske, Requisiten und Technik, den begleitenden Lehrern Maria Hoffrogge und David Filipowski sowie dem Regisseur Marco Spohr.

Katrin Bürgel, Projektleiterin und Leiterin des Stadtarchivs

 

Warum ein Theaterprojekt zur Geschichte des NS in Gladbeck?

Versuch eines persönlichen Fazits

1991 tauchte in Gladbeck ein als vermisst geltender Sohn der Stadt auf: Dr. Bernhard Preminger, 1921 als Sohn jüdischer Eltern in Gladbeck geboren, 1938 mit seiner Familie von den Nationalsozialisten nach Polen abgeschoben. Er wurde in der Sowjetunion zum zweiten Mal Opfer einer Diktatur, konnte dann aber promovieren und wurde Hochschullehrer. Nun hatte er den Wunsch, in Gladbeck seinen Lebensabend zu verbringen.

Bernhard Preminger war für eine kurze Zeit Schüler des Ratsgymnasiums. Er mochte die Schule, das war wohl noch im Alter spürbar – aber er hatte das Pech, in einer Zeit jung zu sein, in der Deutschland das schlimmste Kapitel seiner Geschichte erlebte. Bernhard musste im Verlauf der Ausgrenzung jüdischer Mitbürger die Schule verlassen und erlebte dann am eigenen Leib die grausamen Konsequenzen der von den Deutschen gewählten nationalsozialistischen Herrschaft.

Wenn Bernhard Preminger (gespielt von Julian Prittwitz) in der ersten Szene des Theaterprojekts „Gladbeck unter dem Hakenkreuz – nie wieder!“ als alter Mann die Aula des Ratsgymnasiums betritt und sich erinnert, erleben die Zuschauer hautnah Geschichte der Stadt Gladbeck mit. Bernhard Preminger fühlte sich als Gladbecker und musste dann erleben, wie Mitschüler und Nachbarn ihm und seiner Familie die Teilhabe an ihrer Gemeinschaft auf brutale Weise streitig machten.

In unserem Theaterprojekt gelang das, was uns Geschichtslehrern im Unterricht nicht immer zu Teil wird: Aufmerksamkeit, Sensibilität und Mitgefühl für das Leid der verfolgten Gladbecker Mitbürger zu erzeugen, Beklemmung und Entsetzen angesichts der Brutalität und Verbohrtheit der Verantwortlichen, Ratlosigkeit gegenüber der Tatsache, dass „ganz normale“ Bürger sich verführen ließen durch Drill und Parolen. Das allein war Motivation genug, sich für dieses Projekt zu engagieren.

Es ist schwer, den dauerhaften Erfolg zu messen. Der Beifall und die Kritiken waren überwältigend, die Frage, was in den Köpfen hängen bleibt, ist nicht so leicht zu beantworten.

Was auf jeden Fall in unserer Erinnerung bleibt, sind berührende Momente wie die im Folgenden beschriebenen: Zwei Enkelinnen der mit ihrem Mann ermordeten Jüdin Ida Kaufmann waren von weit her angereist, um die Geschichte ihrer Großeltern auf der Bühne zu erleben. Sie zeigten sich tief beeindruckt und in ihren Erinnerungen angerührt, für Janine Gollan, die Darstellerin der Ida, sicherlich eine unwiederbringliche Erfahrung. Ein besonderes Erlebnis wurde auch Lena-Mareen Stelzer (Darstellerin von Franziska Riesener) zuteil, als nach der Premiere die Tochter der kürzlich verstorbenen Franziska Riesener auf sie zukam und sie für ihre Darstellung in die Arme schloss. Am nächsten Tag erhielt Lena-Mareen von Frau Rieseners Tochter Franziska Hölterbusch die Schwesternbrosche ihrer Mutter und konnte diese bei den beiden weiteren Aufführungen tragen.

Manche Gesichter wurden in beiden Abendaufführungen gesehen – das spricht für sich! Dass in der Schüleraufführung so viel (Zwischen-)Applaus gespendet wurde wie selten, berichteten die Jungs von der Technik-AG und werteten das als besonderen Erfolg.

Dass die schauspielerische Leistung der Darsteller und Darstellerinnen im Laufe der Übungszeit derart forciert wurde, haben wir als Betreuer und Beobachter nicht für möglich gehalten. Ebenso wusste manche(r) Schauspieler(in) nicht, was in ihm/ihr steckt. Dass sich das so entwickeln konnte, dass alle das letzte aus sich herausgeholt haben, war eindeutig Marco Spohrs Leistung als Schauspiellehrer und Regisseur. Das von ihm auf der Basis der von Katrin Bürgel zur Verfügung gestellten Quellen verfasste Skript knüpfte den Bogen zwischen damals und heute und sprach die Schüler an, so dass sie sich mit ihren Rollen identifizieren konnten. Das ständige Jonglieren zwischen dem Anspruch als Profi und der Erreichbarkeit im Schullalltag ließ Marco, so sein persönliches Fazit, eine ungeahnte pädagogische Seite in sich entdecken – nichtsdestotrotz: „Aber bitte nur alle Schaltjahre ein solches Projekt …“!

Am Anfang stand Katrin Bürgels Idee, die Quellen zum Sprechen zu bringen und ihnen Aktualität zu verleihen. Zu einer überzeugenden Realisierung der Idee wäre es ohne ihren unermüdlichen Einsatz nie gekommen. Dass man als Stadtarchivarin auch erfolgreich die Rolle der „Mutter der Kompanie“ einnehmen kann und neben Gestaltung, Organisation und Materialbeschaffung auch noch für das leibliche Wohl der Truppe sorgt, das ist schon eine bemerkenswerte Leistung!

Dass Schüler und Schülerinnen verschiedener Gladbecker Schulen so wunderbar zusammengearbeitet haben und auf der Bühne des Ratsgymnasiums mit Hilfe der Technik-AG und der Erfahrung und dem Ideenreichtum von Jan Redlich von der Video-AG eine solche Leistung zeigen konnten, war ein einzigartiges Erlebnis. Bernhard Preminger wäre sicherlich zufrieden gewesen mit dem, was sich da an seiner alten Schule abgespielt hat!

Maria Hoffrogge, Geschichtslehrerin am Ratsgymnasium